Camino Fernwanderungen

Ein Start mit 5 Fragen

Nachdem ich über die Notizen-App schon vor Wochen eine Packliste erstellt habe, konnte ich es kaum erwarten, endlich den Rucksack packen zu dürfen. Schon erstaunlich, wie wenig man wirklich braucht und ich könnte glatt noch die Hälfte weglassen. Die Wettervorhersagen sind gut, das heisst, wir brauchen sicher Sonnencreme und kurze Hosen. Das ist mal ganz was Neues. Meine bisherigen Caminos waren allesamt kalt, kälter und regelmässig nass. Peter lacht mich auch spontan aus, als ich frage, ob wir ein Longsleeve einpacken sollen. Pssst. Ich habe es trotzdem getan.

Das reicht vollkommen für die paar Tage.

Die ganzen Vorbereitungen in Bezug auf «Duweisstschonwasichmeine» waren nicht ganz ohne. Wir haben am Montag einen Becher voll gespuckt, um dann just 20 Stunden später zu erfahren, dass wir «negativ» sind. Juhui. Wär ja auch blöd gewesen. Ich bin dann ganz kurz in eine Minipanik verfallen, weil dieser Zettel vom Labor alles andere als einen QR-Code drauf hatte. Hey, ich will doch nicht am Flughafen stehen und blöd in die Welt gucken, nur weil icht nicht vorbereitet bin.

Der Anruf zum Labor bringt Klarheit. Ich muss die App «Covid Certificate» herunterladen und dort kann ich direkt online den QR-Code bestellen. Das geht mehr oder weniger ratzifatzi. Das online Einchecken bei SWISS für den Flug hat auch einwandfrei funktioniert. Unser Pokerspiel, kein Geld für eine Sitzplatzreservation auszugeben, hat sich gelohnt. Wir können locker auswählen und haben einen Fensterplatz.

Nun denn. Um 22h30 war der Rucksack gestern gepackt und ich hundemüde. Wie immer stelle ich nicht nur einen Wecker – sondern drei. Genau. Um 05h00, um 05h15 und um 05h30. Wie immer wache ich 10 Minuten vor dem ersten Wecker auf und deaktiviere alle drei Wecker. Herrlich – ich bin einfach so und ich liebe es.

Die erste Frage des Tages ist folgende:

  1. WARUM HABE ICH DIE REGENJACKE GANZ ZUUNTERST VERSTAUT?

Es regnet in Strömen! Na ja. Das gehört zu unseren Starts wohl dazu (Camino Primitivo und Francigena starteten auch im Regen). Ich werte das als ein gutes Zeichen.

Die Zugfahrt verlief reibungslos und ich habe noch alle alten SMS gelöscht – Dinge, die ich nur mache, wenn ich sonst gar nichts zu tun habe. Irgendwie bin ich nervös. Wie wird es am Flughafen sein? (Nein, das ist nicht die zweite Frage – die kommt aber gleich). Im Kopf checke ich nochmals kurz, was ich wo habe: Zertifikat des Negativ-Test, Boardingpass, Einreisedokument für Portugal. Und damit sind wir bei der zweiten Frage:

2. WARUM HABE ICH DAS ALLES NUR GEMACHT?

Erstens war der Flughafen praktisch leer. Kein Anstehen, keine Kontrolle irgendeines Zertifikates, nichts, nada, niente. Zweitens musste ich nicht einmal die Schuhe ausziehen, das musste ich früher immer. Drittens, wozu habe ich den Test überhaupt gemacht? Auch in Porto – nichts, nada, nothing. Diese 280 Franken hätte ich lieber für Portwein ausgegeben. Viertes. Warum habe ich ein Einreiseformular ausfüllen müssen? Auch diesen QR-Code wollte niemand sehen.

In Porto schleicht sich dann die dritte Frage in meinen Kopf:

3. WARUM MERKT MAN HIER REIN GAR NICHTS VON DER DELTA-PANIK?

Die Menschen hier sind völlig normal drauf. Draussen trägt man keine Maske, ausser man will, in das Geschäft geht man mit Maske, ins Restaurant auch, bis man sitzt. Die Leute sind äusserst zuvorkommend, freundlich, fröhlich. Nichts deutet darauf hin, dass die Welt kurz vor dem Untergang ist.

Was ich heute von Portugal gesehen habe, gefällt mir bereits sehr gut. Und da ist auch die vierte Frage:

4. WARUM WAR ICH NOCH NIE IN PORTUGAL?

Die Menschen sind zuvorkommend, fröhlich, hilfsbereit, alles ist sauber und die Architektur hat voll seinen Reiz. Selbst unsere Herberge ist einfach wunderschön und der Gastgeber Miguel ein Engel. Schade, habe ich zur Sprache so gar keinen Bezug. Aber wir haben schön mal geübt im Restaurant. Dumm nur, dass zwischen dem, was in Online-Übersetzer steht und dem, was die Menschen sagen, Universen liegen.

Morgen geht’s los – unsere erste Etappe – von Porto nach Angeiras. Hey, falls Ihr einen Portugiesen kennt oder eine Portugiesin – fragt mal nach, wie man das ausspricht. Krasser Scheiss diese Sprache. Könnte glatt als Geheimsprache durchgehen.

Ja, und dann wäre da meine letzte Frage für heute:

5. WIE WIRD ES WOHL WERDEN?

Keine Ahnung. Wir gehen einfach, Schritt für Schritt. Der Flightassistent der Swiss hat uns gefragt, ob wir Jakobs-Pilger sind und hat uns erzählt, dass dieser Weg sooo soooo sooooo wunderschön ist. Ich freue mich darauf. Und lasse alles auf mich zukommen – genauso wie im Leben. Vielleicht dieses Jahr noch etwas bewusster.

Bom Caminho!


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