Camino

Tag 10 – Streckenrekord mit Hindernissen

Von Arcade nach Briallos in 31,1 km

Dass wir auf den letzten 100 km vor Santiago sind, das merken wir jetzt. An den Orten, welche innerhalb von 15 – 25 km gut erreichbar sind, häufen sich die Pilgerherbergen. Nicht nur das hat sich verändert – es gibt in den Herbergen auch Pilgermenus. Getarnt als Restaurant ist dies möglich. Wäre es “nur” eine grosse Küche und die Inhaber der Herberge hätten es nicht als Restaurant deklariert, dann dürfen sie nichts kochen am Abend, aber Frühstück machen am Morgen schon. Auch hier findet man unsinnige bis unsinnigste Regeln rund um “Duweisstschonwasichmeine”.

Die Herberge ist bei weitem nicht voll – konkret sind wir im ganzen Haus nur zu dritt, beim Nachtessen sind wir sogar nur zu zweit. Bis – auf einmal – eine grosse Schar von Menschen eintrifft – mit Koffern. Erst als wir schlafen wollten, realisieren wir, dass die hier Party machen UND in der Herberge schlafen. Zum Glück bin ich zu müde: Ich höre nichts und schlafe wie ein Murmeltier.

Peter möchte gerne früh aufstehen, es ist Regen so ab 10h00 angesagt. Bis dahin möchte er in Pontevedra sein. Der Plan scheitert, denn wir erwachen erst um 07h00. Ganz zum Ärger von Pilger Peter. Umso rassiger musste das Paratmachen sein. Schnell noch die letzten Kleider einpacken, welche uns die Chefin der Herberge gewaschen UND getrocknet hat. Was für ein Luxus.

Es sieht draussen gar nicht nach Regen aus, trotzdem geben wir Gas. Meine Schuhe sind nicht ganz trocken geworden und daher ziehe ich die neuen Sandalen an, welche wir in Vigo gekauft haben. Wow. So fühlt sich also Laufen an, wenn nichts schmerzt?

Wir geben so richtig Gas und der Weg ist ein Traum. Wenig Strassen, dafür sehr viele Wald- und Feldwege. Einfach phantastisch. Das Wetter macht so richtig mit, denn es bleibt trocken und die Sonne versteckt sich noch hinter Wolken.

Pontevedra erreichen wir easy peacy und gönnen uns eine Pause. Ab hier verlassen wir den Atlantik und werden ihn frühestens am Samstag in Finesterre (am Ende der Welt) wiedersehen. In dieser Gegend ist der heutige Sonntag ein besonderer Tag. Am 25. Juli wird der Jakobus-Tag gefeiert. In Pontevedra fällt uns auf, dass selbst Strassenschilder auf den Jakobsweg getrimmt werden.

Unser Tagesziel liegt etwas über 30 km entfernt. Nach ungefähr 2/3 zweifle ich daran, dass wir das schaffen werden. Meine Sandalen sind zwar so richtig bequem für meine Blasen – aber – sie bieten keinen Halt beim abwärts laufen und bei Wegabschnitten, die im Querprofil schräg sind. Ich spüre also, wie sich so langsam aber sich Blasen bilden und zwar auf den FUSSSOHLEN. Was tun? Aufgeben? Fluchen? Weinen? Ans Gute glauben? Barfuss wäre noch eine Möglichkeit, doch es sind steinige Wege. Ich wechsle die Socken, steche die ersten fetten Blasen auf und gehe weiter.

Natürlich ist genau dies ein Streckenabschnitt ohne Herbergen, ohne Restaurants – darum heisst es einfach – Arschbacken zusammenkneifen und durch. Ungefähr 4 km vor dem Ziel bricht die Sonne durch. Da wir viel zu spät gestartet sind, ist es bereits 14h30 – die Sonne brennt. Wir entscheiden, dass Peter Gas gibt und uns einen Schlafplatz sichert. Diese Herberge nimmt nämlich keine Reservationen an. Er also Speedy Conzales und ich Schnecke. Jeder. Einzelne. Schritt. Schmerzt. Jeder. Der Tag hätte nicht gegenteiliger zu gestern sein können. Ich bin heute auch nass – vor Schweiss. Belohnt werde ich mit einem traumhaften Abschluss durch Rebberge hindurch.

Schliesslich erreiche auch ich die Herberge. Peter sitzt und wartet schon mit einem kühlen Bier im Garten. Ich bin am Ende. Nicht konditionell. Ich hab es satt für heute. Diese Schmerzen. Egal was es braucht, dieses Problem packe ich an. Und morgen ziehe ich meine Schuhe wieder an. Also hopp, Schuhtrockner anschliessen und die Schuhe vom gestrigen Regen fertig trocknen lassen. Am Dienstag wollen wir in Santiago einlaufen. Hey, das ist übermorgen!

Jetzt heisst es – ab unter die Dusche, Füsse pflegen, schlafen, essen und den Abend geniessen.

Buon Camino


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