Camino

Tag 11 – Ein Tag wie kein anderer

Von Portas nach Padrón in 25 km

Da die Etappe heute nicht arg so lang sein wird, erlauben wir uns, erst um 07h00 aufzustehen. Ein Blick aus dem Fenster lässt unsere Herzen grad hüpfen – keine einzige Wolke! Olé. Padrón wir kommen.

Der gestrige Abend war sehr gemütlich. In dieser Albergue haben wir ein Pilgermenu genossen und waren ziemlich schnell ziemlich faul und reif fürs Bett. Doch leider konnten wir beide nicht einschlafen. Ohne erkenntlichen Grund wälzten wir uns hin und her und nochmals zurück und hin und her. Erst so gegen 00h30 fielen uns beiden die Augen zu. Mir, nachdem ich diese «zzzzzzz» definitiv umgebracht hatte.

Wir waren die letzten, welche die Herberge verlassen. Ein Novum. Die Temperaturen sind perfekt: Es ist frisch, aber trotzdem nicht kalt und die Sonne versteckt sich noch hinter den Hügeln.

An meinem ersten Camino habe ich eindrücklich erfahren, was so ein Weg mit einem machen kann. Ich lief damals wie heute mehrheitlich still, d.h. schon damals waren Peter und ich keine grossen Wander-Plappermäuler. Wir lieben es, unsere Schritte zu hören und die Natur wahrzunehmen. Man hat also viel Zeit und Raum, die eigenen Gedanken wahrzunehmen. Ich weiss es noch, als ob es gestern gewesen wäre. Wir sassen am Abend des 16. Juni 2019 auf dem grossen Platz vor der Kathedrale. Völlig entspannt beobachteten wir das Eintreffen der Pilgerinnen und Pilger. Das führte unweigerlich zu «Hello’s», zu «Yeah’s», zu Applaus, zu Umarmungen und vielen anderen Formen der Gratulationen. Bei jedem einzelnen dieser Bekundungen dachte ich mir «Was soll das? Macht doch nicht so ein Theater, nur weil jemand diesen Weg gemacht hat. So eine Sache ist das auch nicht!» Exakt in diesem Moment wurde ich von dieser Abwertung so dermassen berührt, dass ich sie erkannt habe. Genau das war es, was ich immer mit allem machte, wenn ich etwas geschafft habe: Ich mache es klein und nichtig.

Ich habe mir an jenem Abend geschworen, dass ich das besser machen will. Dass ich mir und meinem Körper gegenüber dankbar sein will und Leistungen anerkenne. So einfach ist das gar nicht, aber ich habe mir Mühe gegeben. Kein Wunder, dass gerade heute dafür so viel Platz und Raum war. Die Natur lässt es zu.

Auf diesem Weg von Porto nach Santiago schwirrten natürlich wieder Gedanken in meinem Kopf umher. Zwei davon immer und immer wieder. Der erste ist, dass ich tatsächlich das Gefühl habe, anderen Menschen zur Last zu fallen. Es kommt mir gar nicht in den Sinn, dass sie sich freiwillig um mich kümmern wollen, mir Liebes tun wollen. Und dabei erlebe ich das gerade jeden Tag. Peter ist voll und ganz für mich da. Er ist mein persönlicher Podologe und reklamiert keine einzige Sekunde, wenn es langsamer wird. Er geht in die Cafés, organisiert Getränke und Essen, er besorgt die Bananen und sucht die Pausenplätze. Wenn ich den Gedanken des «anderen Menschen zur Last falle» umdrehe und mir überlege, ob mir ein geliebter Mensch zur Last fallen könnte, dann schüttle ich nur den Kopf. Für meine Liebsten mach ich das doch gerne. Also wie zum Teufel komm ich darauf, dass andere dies nicht auch wollen?

Der zweite Gedanke ist dieses «hart» sein zu mir. Zeige ich mich stärker, als ich bin? Regle ich mein Leben mit dem Verstand, ohne auf meinen Körper zu hören? Respektiere ich mich wirklich? Aiaiaiaiai. Da sitzt glaube ich etwas ganz, ganz tief. Ich erkenne, dass dies ein heftiges Muster ist und mir laufen in dieser wunderschönen Natur auf diesem fantastischen Weg einfach die Tränen runter. Es befreit mich, weil ich es zulasse.

Morgen komme ich zum 2. Mal in Santiago de Compostela an. Ich werde diese beiden Gedanken als Versprechen an mich mitnehmen und auch wenn ich nicht katholisch bin, in meinem Herzen werde ich berührt sein von diesen alten Traditionen. Ich nehme mit, dass ich stolz bin auf mich und auf das, was ich schaffe. Und ich verspreche mir, dass ich mich zeige, wie ich bin und mich damit vor allem selber respektiere. Während ich das so mit mir ausmache, streicht mir eine Katze um die Beine, als ob sie es verstanden hätte.

Auf unserem Weg nach Padrón passieren wir auch Orte, an welchen wohl andere Pilger «ihre Geschichten» ablegen, erkennen und damit verändern werden. Über 300’000 Menschen laufen jährlich in Santiago de Compostela ein. Sie alle haben ihr persönliches WOW verdient. Ich auch. Denn dieser Weg ist niemals leicht. Dafür umso intensiver und schöner.

Bon Camino!


2 thoughts on “Tag 11 – Ein Tag wie kein anderer”

  1. Hey Lieblings Cousine
    Isch spannend zum läsä was alles erläbsch uf em Pilgerwäg. Mues amel lache, wenn i gseh was für Grimasse das machsch uf de Fotene. Chunt mer bekannt vor weni i mini Fotibüecher a luege. Vielliecht hämmer es Huebergen dine. I weiss isch es schwierigs Wort. Hueber Gen isch klarer.😄
    Wünsche eu en guete Endspurt
    Ganz liebi Grüess Fredi

    1. Hey Lieblings-Cousin
      Oh jooo, wenn ich a dich denke und die Ziite, wo üs vor Lache d’Träne abeglaufe sind, denn git’s das Gen sicher. 🙂 Und weisch was chunnt mir jetzt grad au in Sinn? Es wär so schön, wenn mir chönnted i sonere Chile es chlises Konzert mache. Entweder beidi mit de Flöte oder du mit Flöte und ich uf dere wunderschöne Orgle do. Das wär de Hammer!!! 🙂

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