Fernwanderungen Via Francigena

Tag 15 – Wir schreiben Geschichte

Von San Miniato nach Gambassi Terme 24,2 km

Die letzte Nacht habe ich gar nicht gut geschlafen. Im Traum musste ich mich damit abfinden, dass ich nicht mehr gehen kann und dass ich jetzt einen riesengrossen Hund habe. Der Hund war zwar voll cool drauf, aber das mit dem nicht mehr gehen können war hart. Der Grund muss darin liegen, dass ich gestern im Beckenbereich zum ersten Mal überhaupt so starke Schmerzen hatte, dass ich gar nicht mehr richtig laufen konnte.

Das war ziemlich blöd für Peter, denn neben ihm humpelte eine Pilgerin in diesem Schickimicki-Städtchen und an uns vorbei stolzierten super schlanke Frauen in Highheels. Auf der kleinen Piazza des Dorfes ging es zu und her wie beim Seeger in St. Gallen – sehen und gesehen werden. In einer klitzekleinen Trattoria reservierten wir auf 19h30 einen Platz. Das ist übrigens die früheste Zeit, die möglich ist. Husch vorher einen Aperitivo nehmen. Um 19h32 waren wir drin – und die letzten.

Das Restaurant ist der Wahnsinn. Wir sitzen an einem Vierertisch, neben uns ein anderes Ehepaar. Es sind Italiner. Direkt mir gegenüber ist die offene Küche. Sie ist nur durch eine Plexiglasschreibe getrennt. Die Köchin, vielleicht so etwas über 30 Jahre alt, ist hoch fokussiert. Im kleinen Lokal sitzen 12 Personen und sie kocht für alle frisch. Eine zweite junge Frau nimmt die Bestellungen auf. Es ist so lebendig und phantastisch, all diesem zuschauen zu können.

Wir kommen mit dem Paar an unsere Tisch ins Gespräch und tauschen und über so vieles aus, auch über “Duweisstschonwasichmeine”. Wir realisieren, dass dieser Lockdown ein “Nightmare” gewesen sein muss und können uns wohl nicht im Ansatz vorstellen, was das bedeutete. Ideal war es, wenn man einen Hund hatte. Dann durfte man 6 x raus, aber nur 200 Meter vom Haus entfernt. Noch besser war es, wenn man Raucher war. Dann durfte man immer raus, um sich Zigaretten zu kaufen. Was für eine seltsame Gesundheitsvorsorge.

Zurück im Ostello angekommen, kontrollierte Peter noch unsere frisch gewaschene Wäsche und stellte sich ins Gebäude hinein. Wer weiss, vielleicht kommt ja noch der Regen.

Und dieser kam. Da ich ja nicht gut geschlafen habe, wachte ich viel auf und jedes Mal hörte ich, wie der das Wasser auf unser Dach niederprasselte. Den Gedanken, morgen diese Toskana-Route im Regen zu laufen, machte mich unruhig.

Um 07h00 wache ich auf. Ich realisiere, es regnet nicht mehr. Ich bewege ich ganz sanft und merke, mein Bein schmerzt nicht mehr. Also hopp aus dem Bett und schauen, wie es so geht. Der riesengrosse Hund vom Traum ist nicht da. Auf dem Weg zur Toilette sehe ich, dass die Sonne demnächst aufgehen wird. Was für ein Tag. Was für ein Geschenk. Ich bin einfach nur dankbar und glücklich zufrieden.

Etwas mehr als eine Stunde laufen wir auf Asphalt, bis wir auf Naturstrassen wechseln können. Und dann – Ladies and Gentlemen – dann kommt das, worauf wir uns seit Wochen freuen. Diese Landschaft ist der Waaaaahnsinn. Sorry. Ein ‘a’ reicht einfach nicht aus. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht dauernd stehen bleiben, sonst kommen wie nie an.

Ich muss mich im Routenführer verlesen haben, denn am ganzen Weg gibt es keine Bar, kein Ristorante, keine Trattoria – niente. Zum Glück haben wir Proviant dabei und verpflegen uns mit Bananen, Schokolade und Äpfeln. Wasser hat es genug, dafür gibt es auf diesem Streckenabschnitt immer wieder solche Wasserstationen.

Der ganze Tag ist ein Hochlaufen und dann wieder Runterlaufen. Bei jedem Hochlaufen sieht man wieder etwas Neues in dieser eindrücklichen Landschaft. Irgendwie ist es wie das Appenzellerland – nur grösser und weiter.

Auf etwa halber Strecke passiert etwas, was man nicht einfach so erlebt. Ich sehe von der Ferne ein paar Reiter auf Pferden, trabend oder im Galopp. Schnell realisiere ich, dass wir uns kreuzen werden. Es sind nicht nur 5 oder 10. Es sind Dutzende. Alle beritten und alles sehr schöne Pferde. Es macht so den Anschein, dass sich die Damen und Herren des toskanischen Wohlstandes zum Ausreiten getroffen hat. Laufend rufen Sie uns zu: “Giorno!” “Buen Camino!” und einer ruft “È storico vedere così tanti cavalli sulla Via Francigena!” Also irgendetwas von dass dies historisch sein soll. Also in meiner Lebengeschichte ganz bestimmt und so bin ich mehr als nur gewillt, dies in meine Geschichte aufzunehmen. Diesen einen Film habe ich für dich gemacht Petra, weil uns das Reiten lernen vor vier Jahren so verbunden hat.

Wir sind so masslos zufrieden, dass wir diesen Tag so erleben dürfen und können – die Sonne scheint, trotzdem bläst ein erfrischender Wind. Wir sind gesund, unsere Füsse sind schmerzfrei, wir haben Essen dabei und ein Zimmer im Ostello ist auch gebucht. Die Situation könnte nicht perfekter sein, als ich sehe, wie sich eine Schafherde auf einem Hügel schräg vor uns in Bewegung setzt. Seltsam, denke ich, was tun die da? Kaum sind wir um die Kurve gelaufen, fangen diese blöckenden, springenden, fressenden und laufenden Tiere an unseren Weg zu kreuzen, damit sie auf der anderen Seite das grünere Gras fressen können. Wir müssen oder dürfen stehen bleiben und dieses einmalige Schauspiel geniessen. Der zweite historische Moment des heutigen Tages und auch in meinem Leben. Das habe ich nun wirklich noch nie so miterlebt.

Mein linker Oberschenkel fängt an zu zicken. Ich brauche kurz vor dem Ziel noch eine kleine Dehn-Pause. Das passt meinem Göttergatten gar nicht, aber er schweigt. Nach diesen 10 Minuten geht es mir wieder prima. Knapp 15 Minuten später erreichen wir unser heutiges Schlafziel – ein Ostello in einer geschichtsträchtigen Kirche. Ein Traum.

Um 19h30 gibt es gemeinsames Nachtessen in der Herberge. Den Wein dazu haben wir schon bestellt, das kleine Bierchen nehmen wir mit aufs Zimmer. Ganz ganz ganz ganz schön wäre jetzt ein Dampfbad. Während ich nach der erfrischenden Dusche davon immer noch träume, ruft mich Peter nach wenigen Minuten ins Badezimmer. Als ich die Türe öffne, muss ich laut lachen. Er hat sich sein Mini-Dampfbad irgendwie selber geschaffen. Der kleine Raum ist voller Dampf und hinter dem Nebel entdecke ich ein strahlendes Gesicht.

Ich freue mich auf unser Nachtessen – habe Hunger wie eine Bärin.

Euch allen morgen einen guten Wochenstart.


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