Cap The Silken

Auf den Hund gekommen

Ich bin 14 Jahre alt. Zusammen mit Mira sitze ich ganz verdrückt in einer Ecke in der grossen Küche. Es ist laut. Grosse Menschen diskutieren. Mira zittert. Ich klammere mich an sie. Sie an mich. Ich will sie beschützen. Wir beide gehören zusammen. Für immer. Jeden Mittwoch wartet Mira auf mich. An der Bushaltestelle. Meine Tante Monika musste nur sagen: «Heute kommt Claudia» und zack wartete sie dort.

Doch heute ist alles anders. Mira, die Mischlingshündin meiner Grosseltern, muss weg. Ich kann das nicht verstehen. Ich will das nicht verstehen. Sie spürt meine Angst, meine Wut, meine Hilflosigkeit.

Sackgeld für Frolic

Wir waren unzertrennlich. Sie und ich. Ihr habe ich alles anvertraut. Habe mein Sackgeld in Frolic investiert. Eine wunderbare Mensch-Hund-Beziehung. Und jetzt hocke ich da, halte sie ganz fest. Mein Onkel reisst mir meine Mira aus den Händen. «Tu doch nicht so blöd! Es ist nur ein Hund.» Er geht, Mira kehrt nie mehr zurück. Er hat sie einschläfern lassen. Sie hatte im neuen Haus meiner Grosseltern keinen Platz. Zurückgeblieben bin ich. Endlos traurig, leer. Wer schon eine geliebte Fellnase hatte, der weiss, wie sich dieser Schmerz anfühlt.

30 Jahre später – in einer Coachingausbildung – gehen wir das Thema «versagen» an. Ich werde in Sekundenbruchteilen traurig und weiss nicht warum. Wir gehen der Sache auf den Grund und siehe da – Mira kommt nach so vielen Jahren aufs Tapet. Niemals hätte ich gedacht, dass ich nach 30 Jahren wieder so emotional reagiere. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mir unbewusst die Schuld gebe, dass ich sie nicht gerettet habe. Niemals hätte ich gedacht, dass ich dies als Wahrheit für mein Versagen abgespeichert habe.

Intuitiv spüre ich, dass ich diesen Kreis schliessen muss, um mir zu vergeben. Von der einen auf die andere Sekunde war mir klar, in diesem Leben werde ich noch eine besondere Hund-Mensch-Beziehung führen, ein Hund wird in mein Leben kommen. Daran gab es keinen Zweifel. Ich wusste einfach nicht, wann dies geschehen wird und wie. Denn mein Mann ist zwar ein riesengrosser Katzenliebhaber (und Tierliebhaber) aber für Hunde hat er nicht viel übrig. Mir egal, dachte ich. Das Leben wird es richten, der Hund wird zu uns finden.

Welcher Hund passt zu uns?

Vor 8 Monaten begann ich langsam und punktuell herauszufinden, welcher Hund überhaupt zu uns passen würde. Es musste einer sein, der gerne in der Natur ist, der auch mal vier, fünf oder sechs Stunden laufen mag. Der aber genauso gerne auf dem Sofa rumlümmelt. Und verschmust sollte er sein.

Einer der Vorschläge war ein Boarder Collie. Ich befasste mich mit dem Wesen dieser Hunderasse und stiess auf einen witzigen Artikel rund um die Kosten eines Boarder Collie. Weil ich diesen so lustig fand, postete ich ihn auf Facebook und zack, bekam ich von einem Bekannten den Tipp, mir den Silken Windsprite anzuschauen. Silken what?!? Bei diesem Namen wäre ich nie auf einen Hund gekommen, eher auf Gin.

Ich konnte fragen, wen ich wollte, diese Rasse kannte niemand. Eigentlich völlig logisch, denn der Weltverband der Fédération Cynologique International hat diese Hunderasse noch nicht anerkannt und somit taucht er auch in keinem Online-Test auf. Mit jedem Satz, jeder Seite, jedem Film zu Silken Windsprite wurde ich mehr und mehr begeistert. Jetzt galt es, sich schlau zu machen, ob es in der Schweiz Züchter gibt. Gesagt getan. Es gab. Einige. Doch überall war nur zu lesen «wir planen keinen Wurf».

American Stars of Switzerland

Mein Bekannter, selber Besitzer eines Silken, gab mir den entscheidenen Tipp: «Frag doch die Züchterin unseres Silken.» Gesagt getan. Tatsächlich hatte sie gerade einen Wurf, aber alle 5 Welpen waren schon vergeben. Dann soll es so sein. Zum ersten Mal erzählte ich Peter, welche Gedanken ich mir gemacht habe und warum ich auf einen Silken Windsprite komme und dass es eben nicht viele Welpen pro Jahr gibt. Peter war gar nicht uninteressiert: “Er muss einfach laufen können und kein Kläffer sein.”

Der Wurf von Karin Wernli war vergeben, andere Züchter aus Deutschland antworteten nicht – scheinbar war die Zeit noch nicht reif. Bis zum 2. Januar 2022. Wir waren mit dem Wohnmobil in Südfrankreich unterwegs und Peter fragte mich, wie es denn nun aussieht mit dem Welpen. Ich erklärte ihm, dass alle vergeben sind und er meinte: «Frag doch nochmal nach. Manchmal tritt jemand zurück.»

Warten bis die Zeichen klar sind

Ich habe seinen Hinweis als eine Laune des Neujahrsaufbruches gewertet und es nicht getan. Am nächsten Tag hakte er nach: «Und, was hat sie gesagt?» «Ähm, ich habe noch nicht geschrieben.» «Dann mach das doch bitte», meinte er und ich entschied mich, es doch nicht zu tun. Wenn der richtige Zeitpunkt da ist, dann ja. Der richtige Zeitpunkt war exakt 3 Tage später am 6. Januar. Wir sind gerade von einem Strandspaziergang zurück gekommem und haben uns herzlich über einen Hund gefreut, der dem Strand entlang geflitzt ist. Peter: «Oh ja, das würde jetzt so ein Silken sicher auch geniessen. Apropos, hast du geschrieben?» Jetzt war mir klar, ich musste es tun und schrieb der Züchterin, Karin Wernli von American Stars of Switzerland, dass sie uns bitte auf die nächste Warteliste setzen solle. Wir hätten gerne irgendwann einen solchen Hund.

Die Antwort kam postwendend: «Ein weiss gefleckter Rüde ist wieder frei». Das war er jetzt. Der Moment, der richtige Zeitpunkt, das erwünschte Zeichen. Zwei Tage später fuhren wir nach Lostorf, um David Hasselhof (sein Wurfname) kennenzulernen. Ich übertreibe nicht – aber nach 60 Sekunden war es um Peter geschehen. Dabei hatte ich ihm noch gesagt, dass wir nicht ja sagen müssen, das soll gut überlegt sein. Und was macht er? «Ja, wir nehmen ihn!»

Ja, ich will – Ja, wir wollen

Von diesem Augenblick an war die kleine Fellnase in unseren Herzen. Jetzt hiess es lesen, lernen, einkaufen, wieder besuchen, allen erzählen, alles vorbereiten, sich vorfreuen, Fotos tausend Mal anschauen, planen und träumen. Und solche Dinge machen, die unsere Vorfreude stärken:

Here he is – Cap The Silken – unser Captain America – new @ home by Schifflechners

Morgen nun ist es soweit. Wir holen ihn ab. Als eingefleischte Marvel-Fans haben wir uns für den Namen CAP entschieden – die Kurzform von Captain America. Der Leckerlibeutel ist parat, die Schlafbox auch, Spielsachen gibt es auch genug. Ich bin nervös. Wir sind nervös. Fröhlich nervös. Eher aufgeregt. Und ab morgen wird unsere Welt auf den Kopf gestellt. Gut so. Wir brauchen das.

Claudia Schifflechner


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