Camino

Das grosse Finale – wir alle brauchen etwas mehr «Santiago»

Von Padron nach Santiago in 25,9 km

Irgendwie bin ich nervös. Der gestrige Abend war ruhig, die Herberge bei Roul absolut super und das heutige Ziel ein ersehnter Abschluss unseres Caminos. Keine Ahnung, was mich so hibbelig machte. Wir sind sehr früh gestartet, d.h. wir waren bereits um 06h00 auf der letzten Etappe. In einer Facebook-Camino-Gruppe habe ich von einem Typen gelesen, dass die letzte Etappe die schönste sein wird. Da bin ich aber gespannt wie ein Flitzebogen, denn die letzten beiden waren fantastisch schön und sind schwer zu übertreffen.

Nach ungefähr einer Stunde fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich war deshalb nervös, weil ich wieder einmal in meinen normalen Wanderschuhen lief! Jaaa. Es fühlte sich wunderbar an und ich bedanke mich still und intensiv bei all meine Zehen, Knochen, Muskeln und Sehnen dafür.

Rund 90 Minuten waren wir schon unterwegs und siehe da, der Weg wurde tatsächlich schön. Genau für 5 Minuten. Dann wieder – na ja – 90 Minuten später wieder schön für 5 Minuten und anschliessend wieder na ja. Nix mit schönste Etappe. Würden dem Typen gerne die Leviten lesen und ihn fragen, wie er auf “das Schönste am Schluss” gekommen ist. Jeden einzelnen schönen Streckenabschnitt habe ich per Bild festgehalten. Es waren sieben.

Was soll’s, es ist wie es ist und bald, bald sind wir auf dem Platz vor der Kathedrale. Kurz nach 12 Uhr war es dann soweit. Peter in seinem «Stadtmodus» bahnte uns den Weg durch die Massen der Touristen. Ganz ehrlich? Irgendwie ist das nicht so schön. Aber. Wir wussten es und ich habe mich entsprechend darauf vorbereitet.

Beim ersten Mal vor zwei Jahren habe ich mich beim Einlaufen auf den Platz “zusammengerissen”, wollte nicht allen – und schon gar nicht mir selber – zeigen, was der Weg mit mir gemacht hat. Dieses Jahr will ich es einfach zulassen. Auch in den Menschenmassen. Mir scheissegal. Es ist mein Weg, meine Art, meine Gefühle.

Mich überkommt eine Dankbarkeit, gemischt mit Glückseligkeit, Demut und Freude und meine Tränen kullern. Irgend eine Frau am Strassenrand steckt mir eine Art gebrannte Mandeln zu. Ich nehme sie an, kaue sie und verschlucke mich. Shit. Ich muss husten was das Zeug hält und die Menschen gehen mir wunderbarerweise aus dem Weg. Sie haben scheinbar Angst vor “Duweisstschonwasichmeine”. Irgendwie ist das alles so traurig. Ohne ein Urteil fällen zu wollen: Aber sind wir nicht alle schon tot, wenn wir solch unsinniges Zeug mit uns machen lassen? In der Einfachheit des Lebens in diese sichtbare Maskerade ein Zirkus.

Wir haben es geschafft. Ich habe es geschafft.

Auf dem Platz vor der Kathedrale ist viel los. Wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen und geniessen diesen Moment. Noch nie habe ich mich selber aber auch Peter so nahe gefühlt. So ein Weg verbindet, schweisst zusammen. Ich weiss, ich kann mich auf ihn verlassen. Ich weiss, er ist da für mich, wenn ich ihn brauche. Ich weiss es, weil ich es erfahren und hautnah erlebt habe. Und ich weiss noch viel mehr. Ich kann mich auf MICH verlassen. Nicht nur auf meinen Kopf. Auf meine Füsse, die mich jeden Tag getragen haben.

313 km weit, über eine halbe Million Schritte.

Ich fühle einfach nur Dankbarkeit für alles und für dieses Nichts. Alles zu haben, indem man nichts hat. Alles zu können, indem man nicht wirklich viel braucht. Morgen früh, in aller Ruhe, werden wir uns nochmal Zeit nehmen, unsere Gefühle zu entfalten. Auf diesem Platz, ganz ohne Tagestouristen.

Peter hat für uns eine Herberge in unmittelbarer Nähe der Kathedrale gefunden. Was für ein Haus! Unser Zimmer liegt im 3. Stock, über den Dächern von Santiago, mit eigenem Balkon. Eine Art Destination der Seelen, die das «Zurück zu Weniger» gesucht und gefunden haben.

In diesem Haus treffen wir Hamid und Salah aus Algerien. Beide pensioniert und Hamid ist bereits über 70 Jahre alt. Sie sind seit Anfang Juni unterwegs, haben rund 1’200 km in den Füssen. Die beiden leben seit über 40 Jahren in Deutschland und Peter kann sich mit Hamid über all die vielen Wege austauschen, welche die beiden schon gemacht haben.

Wer den Weg nach Santiago de Compostella gemacht hat, kann beim Pilgerbüro eine sogenannte Compostella ausstellen lassen. Dazu braucht es eben den Pilgerpass der belegt, wo man gestartet ist und dass man den Weg gegangen ist. Irgendwie verbinde ich das grad spontan mit meinem eigenen Leben. Ich bin auch irgendwo gestartet, wurde geboren. Welche Stempel hätte ich mir eintragen lassen, wenn mir meine Lebensreise so bewusst gewesen wäre? Und hätte ich am Schluss meines Lebens auch gerne eine “Lebenscompostella” über die ich mich freue und auf die ich stolz wäre? Wenn ich mir das so überlege, haben wir das wohl alle unseren “Lebenspass”. Wir sammeln Erinnerungen in Form von Fotos oder Tassen oder Stickers oder was auch immer. Wir sollten uns Zeit dafür nehmen, diese wieder einmal vor uns aufzustellen und damit dankbar festzustellen, was uns das Leben bisher geschenkt hat.

Santiago ist eine wunderschöne alte Stadt. Der Zauber all der Menschen, die hier einen Weg bewusst erreichen, liegt in der Luft. Ja, es ist sehr touristisch und trotzdem kann ich mir, können wir uns, dieses intime Gefühl der «Vollendung» bewahren.

Wir essen sehr gut (wie immer) und lassen den Abend in einer «guten-alten-Zeit-Bar» ausklingen. Müde fallen wir ins Bett. Das dritte Bett in unserem Zimmer ist immer noch nicht belegt und wir fragen uns, ob unsere angekündigte Zimmergenossin tatsächlich noch kommen wird.

Es ist ungefähr 02h00 als Peter die offenen Balkontüre schliesst. Aus den Gassen drängt lautes Geschnatter zu uns hoch. Die Menschen feiern, dass sie hier angekommen sind, Tagestouristen sind das nicht. Wir beide merken, dass das dritte Bett in unserem Zimmer jetzt belegt ist. Weder Peter noch ich haben das gemerkt, so tief, wohlig und fest haben wir geschlafen.

Wir haben entschieden, dass wir sicher einen Tag in Santiago bleiben. Uns zu liebe. Wir wollen früh auf den Platz, die Pilgermesse erleben und ach ja, das heilige Tor passieren. Wir haben es zwar gestern schon 2 x durchschritten, aber irgendwie können wir es gar nicht glauben, dass dies so einfach möglich ist. Das heilige Tor wird nur während dem heiligen Jahr geöffnet. Wer es passiert, dem werden alle Sünden vergeben. Somit kann es ja nicht schaden, wenn wir noch einmal durchgehen, nur um ganz sicher zu sein.

Unser Zimmergspänli ist aus Dänemark, etwa in unserem Alter. Sie hat innerhalb von 24 Monaten 5 Caminos gemacht und nun diese Wochen realisiert, dass sie genug davon hat. Sie möchte nicht mehr Pilgerin sein oder irgendwelchen gelben Pfeilen folgen. Sie möchte eine Wandersfrau sein, die ihren eigenen Weg geht. Auch das ist ein Camino. Ihr Camino.

Nachdem wir unser Frühstück hatten, laufen wir zum Platz vor der Kathedrale und geniessen die Ruhe. Während ich über Instagram dies festhalten wollte, sehen wir Jordan (aus Tag 2). Und wenige Sekunden darauf treffen Marc aus Holland und Kimberly aus New York ein. Einfach schön, wenn man sich wiedersieht. Vielleicht treffe wir heute sogar noch die beiden Sandra’s aus Spanien. Beide haben wir vor Vigo aus den Augen verloren.

Den ganzen Tag schlendern wir durch die Gassen, treffen wieder Hamid und Salah und erfahren, dass Hamid heute Geburtstag hat. Wow! 72 und unterwegs. Ganz ehrlich. Genau so stelle ich mir mein Leben im Alter vor. Dieses zu Hause rumhängen, den ganzen Tag Radio und Fernsehen bis zur digitalen Völlerei zu konsumieren, darauf möchte ich herzlich gerne verzichten. Ja, vielleicht schaffe ich dann nicht mehr 25 km im Tag. Wen kümmert’s? Aber ich bin der menschlichen Natur näher: Der Bewegung, der frischen Luft, den unterschiedlichen Wetterlagen, meinen Launen und vor allem, meinen persönlichen Gefühlen.

Während wir uns mit Hamid und Salah über Allah, Gott und die Welt austauschen, ruft Peter einem Pilgerpärchen «Bon Camino» zu. Seinem Bart ist abzulesen, dass sie schon länger untwergs sind. Wir erfahren, dass die beiden am 4. April in Belgien gestartet sind und gerade eben hier in Santiago angekommen sind. Wow. Ihren Gesichtern, ihren Körpern und ihrer Art zu sprechen entnehmen wir, was der Weg mit uns Menschen machen kann. Man wird geerdet, wird ein Teil der Natur. Und genau das bräuchten wir wohl alle dringend. Egal ob geimpft, nicht geimpft, Moslem, Christ, Atheist, Amerikaner, Norwegerin, Spanier oder Algerier – uns verbindet alle die Natur und die Liebe zur Einfachheit. Genau deshalb möchte ich genau dir einen solchen Weg empfehlen. Ich habe gemerkt, wie wenig ich brauche um alles zu haben. Und dass der Lärm der Welt nicht mein Lärm sein muss. Die Natur wird weiter bestehen, egal wie wichtig wir uns nehmen. Es kostet jeden Baum, an dem ich vorbeigelaufen bin, ein müdes Lächeln, wenn er meine Sorgen liest. Könnte ich den Baum verstehen, würde er wohl sagen: “Mädchen, das Leben ist zum Leben da. Tränke es in Gelassenheit und schmücke es mit Dankbarkeit.

Bon Camino!


3 thoughts on “Das grosse Finale – wir alle brauchen etwas mehr «Santiago»”

  1. Eine wunderschöne Erfahrung die ihr zwei gemacht habt, hast du den Lesern geschenkt. Es sind die einfachen Dinge die glücklich machen. So eine Erfahrung habe ich im Juni gemacht. Ich bin mit meinem Fahrrad (ohne Motor) musste ich erwähnen. Von Altnau über den Splügenpass an den Comersee gefahren mit 3 Übernachtungen. Mit Regen und Schnee. Ganz alleine. Es war der Hammer. Kommt gut wieder nach Hause.
    LG. Lilian

  2. Hallo ihr Zwei.
    Schön das ihr dies wieder erleben konntet. Diesmal mit anderen (tiefgründigeren) Erfahrungen. Hoffe das euch beim Abstecher nach Fisterra zum Ende der Welt euch auch tolle und schönes Erlebnisse beschert werden/wurden ;-).

    LG Theo

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