Camino

Tag 5 – Ich habe den Camino-Koller

Von Viana do Castelo nach in 26,1 km

Irgendwann kommt immer dieser Tag. Ich war fest davon überzeugt, dass MIR das dieses Jahr nicht passiert, denn ich WILL ja diesen Weg gehen und wurde NICHT von jemandem überredet. Was soll man dazu sagen? HA. HA. HA.

Fangen wir aber bei gestern an. Die Herberge «Albergue de Peregrinos S. Joao da dos Caminhos war schon offen, als wir kurz nach 13h00 angekommen sind. Wir konnten zwar die Betten noch nicht beziehen, aber zumindest den Rucksack hier stehen lassen und etwas trinken gehen. Peter hat Bettwäsche in hellblau bekommen, ich in rosa. Wie es sich noch herausstellen würde, war dies reiner Zufall, denn unsere tschechische Mitpilgerin hatte hellblaue in der Hand.

Die Menschen auf dem Pilgerweg oder in Pilgerunterkünften verhalten sie so unterschiedlich, dass allein das eine Reise wert ist. Wir waren zu fünft in einem Zimmer, die Betten waren schön brav weit auseinander gestellt. Peter hatte den besten Überblick – und – Strom! Unsere tschechische Wegbegleiterin macht jeden Abend das Gleiche. Sie ist sehr still, pflegt ihre Füsse, liest, packt den Rucksack für den nächsten Morgen und finito. Wir, Peter und ich, tauschen uns über den Tag aus, philosophieren über den Inhalt des Blogs, pflegen auch unsere Füsse, schlafen eine erste Runde, gehen dann essen, lachen gerne und oft und schlafen dann früh ein. Das junge Paar, welches gestern im selben Zimmer war, pflegte die Füsse nicht, waren den ganzen Nachmittag weg, dafür am Abend nicht mehr, haben sich auch ausgetauscht und dann – mit einer Schlafmaske geschlafen. Darauf bin ich noch gar nie gekommen. Ohrstöpsel – ja, Schlafmaske – interessant.

Ein klitzekleines Vieh namens ‘Mücke’ hat uns allen die Nacht zur Hölle gemacht. Gemeinsam hätten wir bei LICHT in die Mitte des Raumes stehen und Jagd machen sollen. Aber nein. Wir haben versucht zu schlafen und das Zischen von Händen durch die Luft und das ergebnislose Klatschen der Hände auf die Haut waren nicht zu überhören. Ich hatte um 05h00 genug, Peter war auch wach – also hopp.

Boooah. Das Wetter ist gar garstig. Es ist nicht kühl aber auch nicht warm, neblig, sehr feucht und es nieselt. Igittegitt. Wenigstens gab es Hafen etwas zum Bestaunen.

Die heutige Strecke führt uns die meiste Zeit am Meer entlang. Eigentlich bin ich etwas wütend, denn diese Landschaft hier ist so wunderschön. Wie wunderbar wäre das doch bei Sonnenschein? Ich überlege mir, ob ich Peter den Vorschlag machen sollte, dass wir den Bus zurücknehmen und morgen die Etappe nochmals machen – aber das ist eine dumme Idee. Es ist, wie es ist – fertig. Machen wir das Beste daraus.

Ich bin nicht fit – meine Füsse auch nicht und eine kleine Blase auf der zweitkleinsten Zehe fordert meine Aufmerksamkeit. Der blöde Sand hat wohl dazu geführt, an den Schuhen kann es nicht liegen. Die meiste Zeit des Weges rede ich mir ein, wie schön es trotz diesem Wetter ist und dass ich den Weg mache, weil ich es will. Peter muss meinen Koller gespürt haben. Er meint nur: «Es gibt so Etappen, die muss man einfach ablaufen». Ich stimme ihm zu. Die Landschaft ist echt der Wahnsinn. Wie schön …. ach hör doch auf Claudia. Lass es einfach endlich gut sein! Wir suchen nach Dingen, die uns aufheitern und finden die Schnecke Rambo. Sowieso – auf dem ganzen Weg gibt es hunderte von Schnecken in ihren schönen braunen grossen Häuschen. Die wollen alle weiterleben, also laufen wir Slalom.

Zum ersten Mal, seit wir auf diesem Weg sind, geht es steil aufwärts. So ungefähr über 50 Meter fünf Höhenmeter. Spannend daran finde ich, dass just in diesen Momenten, wenn man entweder körperlich etwas Anstrengendes tun muss oder etwas Anspruchsvolles, das ganze «Gejammer» im Kopf wie weggeblasen ist.

Heute hätte ich es wohl eher nicht mit mir ausgehalten – insofern sei hier – ganz offiziell- ein herzlicher Dank an Pilger Peter ausgesprochen. Du bist echt ein Schatz. Ich musste mindestens 5 x den Sand aus meinen Schuhen ausklopfen, mindestens 4 x die Schuhe neu binden, 1 x ein kleines Geschäft erledigen, 4 x die Jacke an- und ausziehen und eine Abdankungsfeier für Little-Gecko abhalten. Wie ein kleines Kind habe ich Gründe gesucht, um nicht laufen zu müssen. Im vollen Wissen, dass ich es trotzdem tun muss. Ich weiss gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Spannend ist für mich, wie sehr ich auf «Nichtpause-machen» reagiere. Hey, das geht gar nicht. Ich brauche diese Breaks für mich und meine Füsse und sowieso. Warum muss alles immer so ratzifatzi gehen? Peter hat den zweiten dicken Kuss des Tages verdient – auch dafür hat er volles Verständnis und just ein Café gefunden. Das lag zwar etwas abseits vom Weg – aber na ja – es gab eine Pause.

Wie bereits die Tage zuvor erwähnt, dirigiert auch heute die App «Camino Ninja» unseren Weg. Kurz, nachdem wir über Instagram «live» gegangen sind – ja Salva, wie versprochen – hat uns doch prompt Silvia Sturzenegger angehalten, wir sollten einfach über die Dünen gehen. Das waren RIESIGE Dünen. So Monsterdünen. Auf keinen Fall werden wir das tun, die Geschichten mit dem Sand in den Schuhen haben wir hinter uns. Was soll ich sagen? Wir waren nicht 10 Sekunden «off» von Instagram, entdeckte Peter auf unserer App, dass wir über die Dünen MÜSSEN. Oder – das wäre die Alternative – einen 5 km langen Umweg machen. Na dann doch lieber Sand in den Schuhen.

Auf halben Weg wurden wir dann Zeugen einer Hochzeitsfoto-Session (ziemlich links auf dem Bild) – bei diesem Wetter, im Sand, am Meer, im Nieselregen. Es gibt Menschen, die sind echt härter drauf als wir!

Es ist kalt, wir frieren und können es gar nicht glauben, dass es Menschen gibt, die baden. Ja, Silvia, die schon, aber wir nicht! Frisch gestärkt verlassen wir Vila Praia de Ancora und freuen uns auf unser Guesthouse heute. Morgen werden wir die Grenze nach Spanien überschreiten. Infolge Ebbe und Flut kann man nicht einfach immer und jederzeit den Rio Mino überqueren. Wir werden sehen, wie es uns «erwischt». Für einmal wird nicht geplant. Als wir in Praia de Ancora loslaufen wollten, entdecken wir Marc aus Holland. Der Typ aus Etappe 2. Er hatte so einen Stechschritt drauf, dass wir Forfait geben mussten. Scheinbar war das ein schönes Geschenk, denn nur 100 Meter vor unserer Unterkunft sehen wir ihn wieder. Er steht unter einem Balkon und ruft uns etwas zu von «schönster Stempel ever». Und ja. Er hat Recht. Zum Stempel gab es sogar noch ein vierblättriges Kleeblatt dazu. Wie liebevoll!

In der Zwischenzeit sitzen wir frisch geduscht auf unseren Betten im schönen Hostel Caracois e Borboletas und freuen uns sehr auf das Nachtessen. Der Magen brummt, die Füsse brennen und – oh jaaa, ganz wichtig – die Wäsche ist gewaschen!

Buom Caminho!


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