Allgemein Via Francigena

Tag 30 – 800 km zu Fuss nach Rom

Von La Storta zum Petersdom in Rom – 21 km

Kennst du dieses Gefühl, wenn du weisst, morgen ist etwas Besonderes und irgendwie könnte man friedlich fröhlich einschlafen und irgendwie geht es doch nicht? So zwischen Tiefschlaf und halbwach? So erging es mir letzte Nacht. Ich bin immer wieder aufgewacht, habe gedacht, es geht jetzt los, aber es war erst 1 Uhr, 2 Uhr oder 3 Uhr. Wie wird sie werden, die letzte Etappe? Was macht es mit mir, die Ankunft am Petersdom?

Der gestrigen Abend war der Unspektakulärste überhaupt und wir haben zum allerallerallerersten Mal in Italien richtig schlecht gegessen. Kein Wunder, es gab in diesem Vorort von Rom kein Ristorante, nur so ein Schnellimbiss mit sehr öligen und fettigen Pizzen. Wir haben die Sache nach 5 Bissen abgekürzt, bzw. stehen gelassen und uns mit einem halben Liter Bier aus der Minibar des Hotels die Bäuche vollgeschlagen.

Die ersten 6 Kilometer laufen wir eine sehr befahrenen Strasse entlang. Italien ist nicht für Fussgänger oder Wanderer gebaut. Wir müssen andauernd die Strassenseite wechseln, weil entweder der Fussgängerabschnitt als Parkplatz benutzt wird oder der Abschnitt einfach aufhört. Finito. Basta. Um’s Essen brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen, ein Lebensmittelgeschäft jagt das andere, eine Bar wird von der anderen konkurrenziert.

Obwohl der Weg auf Asphalt ist, vergehen diese ersten knapp 90 Minuten sehr schnell. Da es in Italien erlaubt ist, ohne dieses “Dingsbums” wegen “Duweisstschonwasichmeine” rumzulaufen, wenn man Sport macht, tragen wir auch keine. Das ist – eigentlich – gar kein Problem, denn die Menschen gehen uns buchstäblich aus dem Weg. Entweder drehen sie sich ganz ab oder sie bleiben mit 5 Meter Abstand stehen oder sie wechseln die Strassenseite. Damit sie das nicht mehr müssen, montieren wir das “Dingsbums” unterhalb des Kinns und siehe da, die Welt ist jetzt in Ordnung.

Nach dem Strassenabschnitt führt uns der Weg durch einen Naturpark. Und jetzt wird es so richtig abenteuerlich. Erstens führt uns der Weg durch einen Dschungel und zwar ein Dschungel aus Brombeersträucher. Das ist im Fall überhaupt nicht lustig, oder doch?

Als wir entdecken, dass ein Weg aus diesem Stacheldschungel führt realisieren wir, dass es schon längst möglich gewesen wäre, ausserhalb dieser Tortour zu laufen. Zweitens – und das hatten wir echt noch nie – mussten wir ein massives “Wasserproblem” lösen. Hier in Rom, wenige Kilometer vor diesem heiligen Grab, dem Ziel der Pilger und unserem Abschluss von 800 gelaufenen Kilometern, stehen wir vor dem Problem, dass wir entweder eine Zirkusnummer hinlegen oder nasse Füsse bekommen.

Wir entscheiden uns für die Zirkusnummer und – thathaaaaa – ich habe es in Zeitlupe in knapp einer Minute geschafft, mein persönliche Mac Gyver natürlich in Sekunden.

Wann nur, wann werden wir endlich diese Aussicht haben auf Rom? In unserem Pilgerführer wird darüber so viel geschrieben, wie schön das ist. Wir sind zwar beim Aufstieg ins Riserva Naturale di Monte Mario, aber sehen noch nichts. Es dauert tatsächlich eine kleine Weile, bis wir endlich, endlich, endlich unser Ziel in Greifweite erblicken. Zwischen den Bäumen können wir die Spitze des Petersdom erkennen und – zack – wir haben Gänsehaut.

Da stehen wir nun, haben noch wenige tausend Meter vor uns, bis wir dann auf dem Petersplatz stehen. Der Weg nach unten ist sehr heimtückisch, denn er besteht einfach nur aus grossen Steinen, die eher selten mit Schuhen berührt werden. Jetzt nur keinen Fehltritt, das wäre aber auch blöd, so auf die letzten Meter.

Die grosse breite Strasse zum Petersdom, die Via Ottaviano, macht uns dann doch noch zu schaffen. Nicht konditionell. Aber, sie will und will nicht aufhören. Und dann, dann sehen wir als Erstes die Mauern von Vatikanstadt. Und Militär. Und Polizei. Überall. Und Touristen. Aber keine Pilger. Um 13h20 stehen wir auf dem Petersplatz. Wow. 800 Kilometer weit sind wir gelaufen. A-c-h-t-h-u-n-d-e-r-t.

Das Einlaufen hier in Rom ist nicht im Ansatz so emotional wie das Einlaufen in Santiago de Compostela. Dort treffen jährlich über 300’000 Pilgerinnen und Pilger ein – diesen Spirit spürt man. Hier in Rom sind es etwa 2’000 und das spürt man auch. Wir machen unseren eigenen Spirit, holen unsere Credenziale ab und buchen für morgen die Besichtigung des Vatikanmuseums inklusive Sixtinische Kapelle. Die Tickets sind für Pilger reduziert. Auch schön. Ach ja, um die Tickets buchen zu können, muss man die Temperatur messen lassen (Hände desinfizieren und “Dingsbums” tragen ist natürlich obligatorisch).

Kaum sind wir aus dem Pilgerbüro treffen wir Esther. Die Schweizerin aus Genf, die nur Französisch spricht und es voll abfeiert, dass wir uns sehen. Sie ist seit 2 Tagen in Rom und fährt ebenfalls diese Woche nach Hause.

Auf dem Weg zum Hotel überlegen wir uns, eines dieser E-Trottinetts zu nehmen. Pfui, das geht ja gar nicht. Wir laufen und finden so ein schönes Restaurant, mit schönen römischen Preisen – aber mit einem guten Essen. Es wird das letzte für heute sein. Wir schlafen tief und fest ein und erwachen erst kurz vor 22 Uhr (also ich).

Morgen schlafe ich aus – schlafen wir aus – obwohl, wenn ich ganz ehrlich bin – ich möchte weiterlaufen, noch mehr sehen, in der Natur sein. Mal sehen, wie ich das in meinen “Jedentag” integrieren kann.

Mein Blog ist noch nicht fertig. Erst wenn wir zu Hause sind. Morgen müssen wir uns noch eine Hose und ein Oberteil kaufen, das uns in Touristen verwandelt. Mit den Wandersachen Rom entdecken – kann man, muss man aber nicht. In diesem Sinne wünsche ich euch eine gute Nacht – wir lesen uns morgen.

Buona notte.


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