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Tag 28 – Und wo zum Teufel ist die Rampe?

Von Sutri nach Campagnano – 28,29 km

Was mich gerade beim Schreiben beschäftigt ist folgendes. Wenn wir am Vorabend unsere Wander-App checken und sehen, ah morgen geht die nächste Etappe 16 km lang oder 29 km lang oder 32 km lang – egal wie lange da steht, genau nach dieser Anzahl Kilometer ist man “fertig”. Damit meine ich, dass sich der ganze Körper darauf einstellt! Heute waren es etwas mehr als 28 km, also 11 km mehr als vor drei Tagen. Vor drei Tagen wäre es mir zu viel gewesen, noch 11 km zu wandern. Heute – kein Problem. Morgen wird es die zweitletzte Etappe sein vor Rom. Eine, die es in sich hat. Kräftig rauf und kräftig runter. Ich merke schon, dass sich mein Körper darauf einstellt. Morgen auf dem Weg überlege ich mir, was diese Erkenntnis für eine Bedeutung für persönliche Veränderungen hat. Bin jetzt schon gespannt, ob und welche Ideen mir beim Wandern kommen.

Der gestrige Abend war ancora una volta feiniguti. Im Ristorante am Dorfplatz haben sich nicht nur die Einwohner von Sutri getroffen – auch die gesamte Pilgerherschaft war in diesem Lokal: Die italienische Gruppe, die morgen mit dem Bus nach Rom fährt wegen der Messe mit dem Papst. Die amerikanische Männergruppe, die um eine junge Frau angewachsen ist, der Pilger aus Konstanz und der ältere Herr aus Italien, den wir zum ersten Mal in Vetralla getroffen haben. Mit uns sind das in der Summe 12 Pilgerinnen und Pilger – und das im kühlen Oktober. Chapeau.

Das Bett in unserem B&B kann richtig was und auch die Decke. Leider habe ich es Morgen verpasst zu prüfen, was es für eine Decke war. Bis auf einen gewaltigen Alptraum habe ich sehr gut geschlafen. Um 8 Uhr sind wir los. Nur noch zwei Mal schlafen wir im Irgendwo im Nirgendwo. Snieff. Beim Dorfausgang tranken wir husch einen Kaffee. Die Bude ist voll mit Männern und sie reden quer durch- und übereinander – es ist richtig laut. Der erste Teil des Weges heute ist einer der Wege, die man einfach gehen muss – sie sind da, sie gehören dazu, aber irgendwie – na ja.

Nach ein paar wenigen Kilometern queren wir drei Jäger. Sie sind alle etwas in die Jahre gekommen, ihre Hunde auch. Die Hunde sind voll rassig drauf und flitzen auf dem geschnittenen Maisfeld hin und her und hüpfen über unseren Kiesweg. Zwischen Feld und Weg ist ein Dickicht. Das scheint sie besonders zu interessieren.

Der Weg ist voller Wasserpfützen und wir müssen wieder “Strandwege” laufen, um nicht die Füsse voll zu bekommen. Einer der Hunde ignoriert unserer Vorsicht und rast in vollem Garacho durch die Pfütze an uns vorbei. Na ja, unseren Sympathie-Bonus hat er. Plötzlich bleiben die drei nervösen Hunde wie versteinert vor dem Dickicht stehen. Wir beobachten, wie einer der älteren Herren auf jungen Traber macht und ziemlich rassig zum Dickicht läuft – mit der Schrotflinte in der Hand. Ein Schuss. Die Hunde rennen um das Dickicht herum und einer trägt mit Stolz den geschossenen Fasan hervor. Dass so grosse Vögel in so undurchdringbarem Dickicht leben, habe ich echt nicht gewusst.

Abgesehen von dieser Jäger Action säumen heute – wer hätte es gedacht – auch mal wieder Haselnussbäume unseren Weg. Dank Séverine wissen wir, dass diese hier NICHT für Nutella gebraucht werden. Ein Bauer des Dorfes hat uns verraten, dass sie für Schokolade und Backzusatz verwendet werden.

In Monterosi machen wir eine Pause und finden ein Lebensmittelgeschäft, das Peter’s Herz sofort erobert hat. Von der Decke hängen in einem Raum grosse Schinken, im anderen Raum Salami. Gebraucht haben wir nur Taschentücher, gefunden hätten wir alles, was unser Herz begehrt.

Der zweite Teil des Weges gefällt uns schon wieder viel besser. Ok, wir müssen ehrlich sein, die Etappe gestern, das war Königsklasse. Die zeigt man einem Freund, wen man ihn beeindrucken will. Da wird es für jede Etappe danach immer schwer. Mir kommt es so vor, als wolle die heutige etwas gut machen. Sie zeigt sich mit schönen Wegen, schöner Natur, schönen Wolkenspielen und Waldabschnitten. Sie ändert auch das Nussprogramm: Neu im Angebot Baumnüsse! Das ist phantastisch, denn diese Bäume tragen jetzt bunte Blätter – das Farbenspiel beeindruckt uns.

Auf der rechten Seite des Weges sehen wir eine Baumplantage und wissen absolut nicht, was das ist. Vielleicht kann uns jemand von euch Leserinnen oder Lesern dabei helfen, was das für Früchte sind. Hunderte dieser Bäume stehen in Reih und Glied. Und. Sie sind eingezäunt.

Unsere Route soll heute mit einem heftigen Aufstieg enden. Wir sind echt ratlos, wo so ein Anstieg sein soll? Alles was wir sehen ist überschaubar und wir sind kurz vor dem Ziel. Ich will das gerade per Video festhalten, als Peter sieht, was mit einem steilen Aufstieg gemeint ist.

Wir haben heute ein Zimmer über AirBnB gebucht. Was heisst hier Zimmer. Es ist eine kleine Wohnung mit eigenem Bad (Badewanne!), Sofa und Esstisch. Campagnano ist gaaaanz oben auf diesem Felsen – eng, grau und auch hier hat es eine Kirche. Von aussen sehen diese geschichtsträchtigen Gebäude praktisch immer so “brav” aus und innen – wow. Auch die Chiesa di San Giovanni Battista ist eine Schönheit. Einen “Stampa” müssen wir heute oder morgen früh nicht suchen. Unser AirBnB-Gastgeber hat einen. Da kommt mir doch glatt noch in den Sinn, dass ich heute bei den Wasserfällen im Valle del Treja meine allerersten Marroni hatte. I LOVE IT!

Ich hau mich mal unter die Dusche und obwohl es eine Badewanne hat und mein Zweitname “Badenixe” ist, bleib ich beim Duschen. Peter soll ja auch noch warmes Wasser haben. Ich kürze dieses warme wohlige Vergnügen und bin dann erstaunt, dass sich mein Göttergatte mit Wohlgenuss ein heisses Bad einlaufen lässt. Tja. Selber doof. Also ich.

Mal schauen, ob es für einen kurzen Schlaf reicht. Gestern hatten wir überhaupt keine Zeit, weil wir den Aufenthalt in Rom organisieren mussten. Läääck, freu ich miiii uf Rom! Aber leider nur noch 2 Etappen – dann ist unsere Fernwanderung vom grossen Sankt Bernhard nach Rom auch schon wieder ein Teil unserer Lebensgeschichte. Ein “Weischno”.

Und was sind eure nächsten “Weischnos”?

Schreibt es mir doch in die Kommentare.
Liebe Grüsse und bliibed gsund.
Claudia und Peter


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