Allgemein Via Francigena

Tag 26 – Etrusker, Regenbögen, Mac Gyver und ganz viel Glück

Von Viterbo nach Vetralla – 17,53 km

Das wunderbare Gästezimmer in Viterbo hat uns gedanklich dazu verführt, einen Tag länger hier zu bleiben, ein paar Einkäufe zu machen und unsere Kleider zu waschen. ABER. Das Zimmer ist morgen nicht frei. *snieff*

Also gingen wir fein essen und weil es stark regnete, gleich um die Ecke. Zum ersten Mal im Leben hatte ich ein Pilz-Carpaccio. Läck mir am Jimmy. Ist das ultimativ lecker. Ich muss sagen, die italienische Küche hat mich voll und ganz in den Bann gezogen. STRAORDINARIO!

Ich bin nach dem Carpaccio, der Pasta UND dem Tiramisù herrlich schnell eingeschlafen und habe tief und fest geschlafen. Die Gassen müssen hier zu eng sein für einen Kehrichtwagen oder eine Strassenputzmaschine. Geweckt wurden wir HIER von den Kirchenglocken. Ganz nett, fein und liebevoll. Grazie.

Peters’ App behauptet, dass wir bis 11h00 trocken bleiben und danach würde wohl etwas Regen kommen und später ein Gewitter. Wir müssten einfach früh los und weil es nur rund 17 km sind. Na dann. Lass uns das Rennen gewinnen.

Der Start ist seeeeehr verheissungsvoll. Wir werden eine Stunde lang (!!) von einem Regenbogen begleitet, der sich mal ganz, mal halb, mal doppelt, mal stark und mal ganz schwach zeigt. Weit, weit, weit weg sehen wir dunkle Gewitterwolken, aber was kümmert uns das, bei uns scheint die Sonne.

Der erste Teil des Weges führt uns durch eine Art Tal – die Strada Signorino. Ein sehr mystischer Ort, der so viel grausame Geschichten erzählt, dass man beim Durchlaufen irgendwie immer “aufgeregt” ist. Bereits die Etrusker, viele Jahre vor Christi Geburt, haben diese Wege zu Höhlen gebaut und irgendwo soll sogar ein goldener Schatz verborgen sein. Zu Römerzeiten wurde hier vielen Streitmächten und Pferden ein wüstes Schlachtfeld geboten, weil man weder vorwärts noch rückwärts kam. Man fand einfach nur noch den Tod.

Irgendwie bin ich enttäuscht, dass es mit einem zweiten Tag in Viterbo nicht geklappt hat. Und es würde mich so richtig freuen, wenn wir mega verregnet werden, dann könnte ich Peter zusammenscheissen. Seltsam, so ein Gedanke, oder? ABER, er ist schnell verpufft, denn nach 5, 10 Minuten laufen geht es mir prima und ich freue mich über dieses gemeinsame Tun.

Nach der Strada Signorino folgt eine Pfui-Weg. Entweder gilt dieser Wegabschnitt als geheime Mülldeponie für alles, was man zu Hause nicht mehr braucht oder – und das vermuten wir – das Unwetter hat hier so ziemlich alles, was nicht niet- und nagelfest war – angespült. Davon abgesehen wartet auf uns jetzt ein kleines Abenteuer. Wir laufen an einem riesigen Gemüsefeld vorbei. Sehr vermutlich ist es Broccoli und/oder Blumenkohl. Tausende von Schritten lang. Broccoli, Broccoli, Broccoli. Unseren Weg kreuzt ein Traktor mit Anhänger. Wir müssen wirklich auf den kleinen Damm “klettern”, weil der Weg so grausam eng ist. Im Traktor sitzt der Bauer mit seinem (kläffenden!) Hund. Er redet mit dem Hund und ich wundere mich noch, was er mit ihm zu besprechen hat. 10 Minuten später wissen wir es. Er wird ihm gesagt haben: „Ha, diese Pilger. Wenn die wüssten, dass sie demnächst Mac Gyver brauchen, um den Weg überhaupt passieren zu können. Ha, ha, ha.“ So in etwa wird das Gespräch gewesen sein, denn wir stehen vor diesem Problem:

Nachdem wir Dank meinem ganz persönlichen Mac Gyver (die jungen Leser müssen dies halt googlen – hahaha) diese heimtückischen Seen überwunden haben (ohne nasse Füsse), ist es Zeit für eine kleine Pause.

Was für eine Aussicht auf das Gewitter, das so so so weit weg von uns ist. Recht hatte er, mein Peter. Wir werden verschont. Guter Mann! Knapp 5 Minuten später meint derselbe gute Mann, dass wir wohl gescheiter husch aufbrechen sollten, das Gewitter entwickle sich nicht zu unseren Gunsten. Oh verdammt.

Wir sind noch nie, nie, nie auf der Via Francigena mit 8 km/h gelaufen. Heute schon. Und zwar rauf, rauf, rauf und etwas runter und wieder rauf, rauf, rauf. Immer in der Hoffnung, einen Unterstand, ein Gebäude, eine Brücke oder irgend etwas zu finden, falls uns das Gewitter überrollt. Aber da war nichts. Einfach nichts. Nur Olivenbäume, Olivenbäume, Olivenbäume. Ich schaue immer wieder zurück und es ist nicht grau oder dunkelgrau hinter mir. Es ist schwarz. Und es donnert. Unsere App verrät uns, dass wir nur noch 2 Kilometer entfernt sind. Also hopp. Vollgas.

Wie immer geht es zum Dörfchen HINAUF. Die Wolken hinter uns haben sich verpisst – wie geil ist das denn. “Bääääätsch” möchte ich schreien, aber ich bin zu platt. Zum Glück habe ich es nicht gemacht, denn wir sind nicht mal 2 Sekunden im Zentrum von Vetralla angekommen, entlädt sich ein kleines Gewitter mit Hagel und allem, was es so dramatisch macht.

Die Temperaturen sinken innert Sekunden. Wir frieren und wärmen uns bei einem Kaffee und einem Sandwich in einer Bar auf. Das Ostello erreichen wir nach dieser kleinen Pause innerhalb von 5 Minuten – aber es ist noch geschlossen. Nichts mit warm duschen. Wir müssen bis 16h00 warten. Also sitzen wir jetzt wieder in einer Bar – einer anderen – trinken Rotwein und schreiben unseren Tagesbericht. Und. Wir lernen den Apotheker des Dorfes kennen. Auch er weiss, rauchen ist besser als “la masquerina” anziehen. 🙂

Heute war wieder so ein besonderer Tag. Wir hatten viel Glück, dass uns das Gewitter nicht eingeholt hat. Nicht auszudenken, wie es wäre. Ab Morgen ist das Wetter perfekt für Rom. Es sind nur noch Freitag, Samstag, Sonntag und am Montag laufen wir in Rom ein. Krass.

Irgendwie werde ich jetzt nervös. Und wenn ich zurückblicke, dann überkommt mich eine enorme Dankbarkeit für alles, was uns diese Tage schon an Erfahrungen und Erlebnissen gebracht haben. Wow.

Danke Leben.


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