Fernwanderungen Via Francigena

Tag 10 – Marmor, Stein und Eisen bricht ….

Von Massa nach Camaiore – 24,7 km

Kaum sind wir mit dem Zug (der nicht mehr stehen geblieben ist) in Massa angekommen, huschten zwei müde Gestalten aus dem Bahnhof und wären fast in ein brav dastehendes Taxi gelaufen. Ein noch deutlicheres Zeichen brauchten wir nicht, stiegen ein und 5 Minuten später waren wir im Hotel, nahe der Via Francigena. Das Glück meinte es gut mit uns, das Hotel hatte im Erdgeschoss sogar eine Pizzeria. Was waren wir froh, dass wir nicht mehr Kilometer für ein Abendessen machen mussten. Fix und fertig haben wir unsere Körper ins Ristorante geschleppt, einen Caprese bestellt, Spaghetti al Pesto, dazu Wasser und Wein. Beim Wein hat uns die nette Bedienung sicherlich falsch verstanden: Statt Rotwein brachte sie Weisswein. Peter ist schon ganz auf der Pilgerwelle, zuckte mit den Schultern und meinte: “Dann soll es so sein.” Zum Glück hat sie uns diesen Wein gebracht. Er war hervorragend und wir bereuten keinen einzigen Schluck dieses wunderbaren Traubensaftes.

Ich weiss nicht, wie ich ins Zimmer gekommen bin, ich war dermassen auf den Felgen. Das Duschen habe ich aber realisiert und die Entspannung vor dem Einschlafen ebenso. Herrlich!

Um 5 Uhr wachte ich zum ersten Mal auf und war definitiv zu müde, um aufzustehen. Da Peter tief und fest schläft, nutze ich die Chance und schlafe auch nochmals ein. Um halb acht wollten wir los – das erste Mini-Drama des Tages verursachte mein Identitätskarte. Wir mussten sie gestern Abend noch für die Registrierung abgeben – aber – sie war nirgend zu finden. Ich packte den Moment am Schopf und entrümpelte meinen Rucksack. Schon erstaunlich, wie viele Kastanien, Eicheln und Nüsse ich mitgeschleppe. Kein Wunder wird der Rucksack immer schwerer statt leichter.

Gefunden habe ich die ID aber nicht. Peter schüttelte die Bettdecke aus, bis auch er seinen Rucksack auf den Kopf stellt. Auf halben Weg jubelte er. Die ID hatte sich in SEINEM Rucksack versteckt.

Massa ist beeindruckend, zumindest was wir zu sehen bekommen. Die Kathedrale strotzt vor Marmor und als ein singender Padre unseren Weg kreuzt, ergattert Peter grad noch zwei Stempel für unseren Pilgerpass.

Das Mini-Drama zwei sind meine Füsse. Immer noch. Ja, ich habe die Schuhe eingelaufen – ohne Probleme. Ja, ich habe Merino-Socken UND mit den Schuhen eingelaufen – ohne Probleme. Aber hier – hier ist irgendwie alles anders oder meine Füsse wollen mir etwas sagen, was ich partout nicht verstehen will. Ich zähle im Moment – ACHTUNG – Trommelwirbel – vierzehn Blasen an meinen Füssen. 14. Auf den Treppen aus Marmor vor dieser wunderbaren Kathedrale hätte ich am liebsten einfach nur geheult. Es dauert immer bis zu 30 Minuten, bis ich eingelaufen bin (oder die Schmerzen nicht mehr spüre).

Und damit sind wir beim Mini-Drama Nummer 3. Weil wir ja a) meine ID suchen mussten und b) mein persönlicher Podologe bei 14 Blasen einiges zu tun hat, konnten wir erst um 09h00 starten. Das ist seeehr spät, zumal das Wetter hier auf der anderen Seite der Berge wesentlich anders ist. Es ist wie Spätsommer – warm und schön. Die Sonne brennt heiss auf die beiden Pilgerlein aus der Schweiz nieder, die heute lustig schwatzend durch die Städte und Felder ziehen. Das Wandern hier ist wunderschön. Vorbei an Olivenbäumen, Zitronenbäumen, riesige Kakteen und – zum ersten Mal im Leben sehen wir einen Baum mit Passionsfrüchten.

Die Hunde sind uns inzwischen schnurzegal, selber Schuld, wenn sie sich die Kehle ausbellen. Dafür sind wir einmal mehr sehr erstaunt über die Preise für zwei Kaffees (die wirklich wirklich sehr gut sind), zwei frisch gepresste Orangen-Säfte und zwei Brioche = 7 Euro.

Auf Weg zum heutigen Tagesziel laufen wir an sehr vielen Firmen vorbei, die Marmorplatten herstellen. Wir beiden wissen nicht genau, ist es nun Marmor oder Granit und machen uns mal schlau. Wir sind am Schluss so schlau, dass wir wissen, dass genau aus dieser Region der weltberühmte Carrara-Marmor herkommt. Kilometerweit ist alles voll mit Firmen, die genau das machen, was einige von uns vielleicht zu Hause haben – eine Carrara-Marmorplatte.

In Pietrasanta gipfelt das Ganze dann in riesige Kunstwerke, die quer verstreut in der ganzen Stadt zu finden sind.

Die Wege sind auf diesem Abschnitt meistens gepflastert – was für meine Füsslein nicht gerade sehr gut ist. Schön also, wenn die Wege auch mal über Stock und Stein führen.

Heute morgen früh habe ich noch das Ostello in Camaiore angefragt, ob sie noch zwei Betten haben. Zum Glück. Dieser wunderbare Fleck hier ist ausgebucht.

Wir träumen grad davon, wie wunderbar ein Abend hier gewesen sein muss oder wieder sein wird, wenn die Küche wieder offen haben darf. Zum ersten Mal treffen wir mehrere Pilger an: aus Schweden, Genf und Mailand. Alle haben Rom als Ziel. Alle werden es schaffen. Auch ich. Mit diesen Füssen.

Während ich nun auf dem Pilgerbett sitze, mit dem Notebook auf den Beinen, ist Peter dran, unsere Wäsche zu waschen. Von Hand natürlich. Er ist voller Freude bei dieser Arbeit. Dann heisst es noch ein wenig ausruhen und dann ab in das Städtchen – ein Abend mit meinem liebsten und allerliebsten Pilger-Freund.

Buon appetitto.


2 thoughts on “Tag 10 – Marmor, Stein und Eisen bricht ….”

  1. So unterhaltsam zu lesen und schöne Fotos.
    Falls ihr irgendwo an die gelbe Rescue-Salbe kommt, die hat mir sehr oft bei Fussschmerzen geholfen.
    Ich wünsche euch weiterhin schöne, interessante und schmerzfreie Erlebnisse!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.