Camino Challengezone

Es ist nie das Ziel, das dich glücklich macht ….

Ich habe vor ungefähr 15 Jahren den Film «Peaceful Warrior» gesehen. Dieser Film hat mich nachhaltig geprägt und mir überhaupt zum ersten Mal in meinem Leben ein Bild zur Phrase «Der Weg ist das Ziel» gegeben. Insofern war es für mich klar, dass ich – wahrscheinlich – nicht dieses «Aha-Erlebnis» haben werde, wenn ich in Santiago de Compostela ankomme. Zu wissen, dass wir heute die letzte Etappe antreten, stimmte uns tatsächlich traurig.

Wir geniessen den Weg mit allem, was er noch bringt. In vollem Bewusstsein, wir sind nur noch 20 km vor dem Ziel.

In die tiefen Emotionen zu kommen ist für mich grad schwierig, denn wenige Kilometer vor dem Ziel wird das Ganze sehr touristisch. Schulklassen, welche die kurze Strecke passieren, Familien mit Kinderwagen, Reisebusse, und, und, und. Ich bin froh, dass ich den Weg in mir im Herzen habe, denn er ist so viel mehr Wert, wie das Finale. Es ist auch schwierig, hier in Santiago de Compostela zur Besinnung zu kommen, denn es ist laut, super schön, schrill und touristisch. Daran ist gar nichts falsch, nur halt nicht das, wie ich mir den Abschluss würdevoll vorgestellt habe.

Etwa bei Kilometer 7 vor dem Ziel hat mich Peter gefragt: «Und, wie geht es dir, so kurz vor dem Ziel?» Ich weiche der Antwort aus und sage nur: «Das kann ich jetzt noch nicht sagen.» Aber eigentlich hätte ich am liebsten vor Freude, Erleichterung oder was auch immer losgeheult. Ich bin unfassbar stolz auf mich, dass ich es geschafft habe und spüre aber im selben Atemzug, dass ich die Leistung moniere. So nach dem Motto: Das haben Tausende vor dir schon geschafft.

Peter antwortet auf meine Gegenfrage: «Ich bin sehr dankbar dafür, dass mein Körper das mitmacht. Dass meine Beine mich tragen. Dass ich in meinem Alter absolut kein Problem habe, diesen Weg zu gehen.» WIE WUNDERBAR.

Ja, das fühle ich genauso. Bei jedem Aufstieg, und es waren heute noch vier kleinere, habe ich die Kraft gespürt, welche ich die letzten Tage aufgebaut habe. Meine Beine wären parat für noch mehr. Mein Herz, meine Lunge auch. Alles an mir. Ich bin meinem Körper aus tiefstem Herzen dankbar, dass ich ihn so spüren durfte und dass er so wunderbar funktioniert.

Ich LIEBE aufwärts. YEAH!

Nach ungefähr 3 Kilometer in die Stadt hinein zwickt mich Peter. „Hey, es sind nur noch wenige Schritte, dann stehst du vor der Kathedrale.“ Es macht päng und ich habe Herzrasen. Mir sind die unzähligen lauten, schrillen, schrägen und nicht wandernden Menschen auf einen Schlag komplett egal. Ich laufe steil abwärts in engen Gassen auf Steinboden, links von mir die imposante Rückseite der Kathedrale. Vor mir ein grosses Tor. Im Tor spielt ein Mann Dudelsack. Passt irgendwie nicht, denke ich. Egal. Ich will sie sehen. Noch ein paar wenige Schritte durch Menschen hindurch geschlängelt und – ich bin komplett sprachlos. WAS FÜR EINE UNGLAUBLICHE SCHÖNHEIT.

Die Kathedrale. von Santiago de Compostela

Ich bin am Ziel. Ich habe die 350 km geschafft. Ich war 13 Tage lang jeden Tag zwischen 20 und 38 km unterwegs. Bei jedem Wetter. Mit allen Schmerzen. Ich habe etwas getan, was ich so noch nie gemacht habe. Wir beide freuen uns immens, still und intensiv. Wir beide haben Tränen in den Augen. Ich bin in einer tiefen Ruhe dankbar. Wie wenn jemand eine grosse Klangschlagen angeschlagen hätte – ohmmmmmmm …… es fühlt sich PHANTASTISCH an.

Geschafft. Camino Primitivo. 350 km. Zu Fuss.

Und was werde ich nun ändern oder tun? Sehr wahrscheinlich demnächst wieder in einem Büro sitzen und körperlich vor mich hergammeln. Ich möchte es behalten, dass ich mein Herz so intensiv spüre, dass ich meinen Atem wahrnehme. Ich möchte es behalten, dass ich Freude an einer warmen Dusche habe. Ich freue mich aber auch auf andere Kleider. Andere Schuhe. Offene Schuhe.

Und ich freue mich auf den nächsten Camino. Man kann sagen, was man will. Irgendetwas fasziniert einen an dieser Art von Wandern. An dieser Art von «Nahe bei sich sein» oder «Nahe der Natur sein». Vielleicht ist es auch ganz einfach die Tatsache, dass man einen grossen Teil des Tages in der Natur verbringt.

Ich werde achtsamer mit mir umgehen. Ich werde wann immer ich kann laufen, laufen, laufen. Ich will per Fuss die Schweiz entdecken.

Wir haben heute die Compostela abgeholt, die Bescheinigung für den absolvierten Pilgerweg. Ich werde sie einrahmen und sie soll mich in dieser schnellen, digitalen und oberflächlichen Welt immer wieder daran erinnern, dass wir am Ende des Tages einfach nur Menschen sind. Aus Fleisch. Aus Blut. Und. Vergänglich.

Buen Camino

2 thoughts on “Es ist nie das Ziel, das dich glücklich macht ….”

  1. Ich danke dir für diesen spannenden, amüsanten und manchmal auch schmerzhaften Einblick in deinen persönlichen Camino! Du machst mir Mut und Lust auf mehr wandern und der Natur nahe sein! Gracias de todo mi corazon!

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