Camino Fernwanderungen

Vegetarier auf dem Jakobsweg in Unterwäsche, die zwickt und zwackt

Unsere Herberge von letzter Nacht habe ICH ausgesucht. Ich habe meinem Fleischtiger-Mann verschwiegen, dass es eine rein vegetarische Herberge ist. ABER. Beim Einchecken hat ER klammheimlich die Karte gecheckt und alles für gut befunden. Also war schon längst nichts mehr «heimlich», als wir das wunderbare Essen serviert bekommen haben.

Es war einfach wunderbar. Und natürlich gab es mehr als “nur” das auf dem Bild….

Wir waren extrem überrascht von dem phantastischen Service des Holländers in der Albergue La Campa. Als Dutch-Man kennt er natürlich Armin van Buuren, was ihn für uns per se auf den Thron der besten Herberge EVER gehievt hat.

Auch diesen Morgen schleichen wir uns wieder raus – auf leisen Sohlen über knarrende Holzböden. Das Schleichen hat so viel wie nix gebracht. In diesem Fall zählt aber der gute Wille.  Die grösste Challenge des heutigen Tages besteht daraus, ob ich diese 35 km schaffe. Der Start war wie gestern steil und einfach nur aufwärts – ABER – im Wald. Es war unglaublich – denn unzählige Vögel haben uns mit ihrem Gezwitscher begrüsst.

Irgendwie mögen meine Füsse und Beine den Wald sehr – sie hatten sichtlich Spass daran, also keine Schmerzen, nada nix. Dafür habe ich gefühlt 100 verschiedene Positionen des Trägers meines BHs ausprobiert. BH No. 1 habe ich schon nach dem ersten Tag in die Versenkung meines neuen Rucksackes befördert. Der hatte die Verschlüsse oben drauf, also genau da, wo der Rucksack aufliegt. Sport-BH No. 2 war verheissungsvoll aber ist auch nicht auf eine Wandermaus ausgerichtet. Ich werde heute mal googeln, ob es überhaupt etwas Rucksack-taugliches hierfür gibt. An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich Tipps wie «lauf doch einfach ohne» ignorieren muss. Mit meiner Grösse ist das nicht sehr angenehm. *grins*

Meinen Füssen ging es also gut, mit meinen Trägern habe ich irgendwann Frieden geschlossen und so konnte ich mich auf Dinge konzentrieren, die gerne gesehen werden wollten. Da gab es schwarze Schnecken – echt, die sind total schwarz – oder meterweise kleine Blumenblüten, die den Boden zieren. Oder wie wäre es mit der Muttersau, die wohlig im Schatten liegt und nicht mal ein kleines Grunzen für uns übrighatte. Übrigens, mein vegetarisch gefütterter Mann starb nicht den Hungertod, so wie er es befürchtete.

Ich war also den ganzen Weg damit beschäftigt, schöne Dinge zu entdecken und merkte erst nach Kilometer 25, dass sich mein Verstand wieder meldete: «Es wäre denn jetzt so an der Grenze für heute.» Oder «Willst du echt noch 10 Kilometer weiterlaufen?». Ja, ich wollte und ich hatte gestern die Absicht gesetzt und mit mir ein commitment gemacht. YES. Ich habe dann versucht, meinen Verstand zu übersteuern indem ich ihm erklärte, es gehe noch 20 Kilometer und er mich nicht dauernd wie ein kleines Kind fragen soll: «Wie lange geht es noch?» Das half leider gar nicht. Geholfen hat, dass wir viel gelacht haben auf Wegen, die nicht die unseren sind – Strassen. Die sind definitiv für Autos oder Rennvelos, nicht für Füsse.

Plötzlich, es kommt aus dem Nichts – spüre ich diese unbändige Kraft. Peter und ich geben GAS, fahren unsere pace hoch. Die letzten 5 Kilometer konnte uns nichts mehr bremsen und ich registriere – herrjeh – gestern habe ich noch geglaubt, 35 Kilometer gehen never ever. Und jetzt? Jetzt bin ich stolz und freue mich auf Morgen. Unsere nächsten 33 Kilometer – sofern das Wetter mitspielt.

Buen Camino


3 thoughts on “Vegetarier auf dem Jakobsweg in Unterwäsche, die zwickt und zwackt”

  1. Danke Claudia, dass Du uns mit auf diese Reise nimmst. Ich wünsche Dir/Euch weiterhin viele schöne und erkenntnisreiche Momente, und denk immer daran; mit Deinem charmanten Lachen geht es immer noch leichter.

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